Heimkehr. Und es geht weiter.

Kein Auto heute. Und es schüttet wie aus Kübeln. Absagen des Deutschkurses? Das geht nicht. Es warten zu viele Menschen. Das örtliche Taxiunternehmen freut sich auch über Einnahmen. Die heutige Deutschstunde ist für die syrische und die kurdische Familie eher unruhig. Dauernd läutet das Telefon. „Seid ihr sicher, dass ich heute komme?“ Beruhigendes arabisches Gemurmel, entschuldigende Blicke. Der elfjährige Abdallah glaubt nicht so recht, dass die nicht ganz freiwillige Zeit in Traiskirchen im Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bald hinter ihm liegt. 24 Tage war er zu Fuß, mit Bahn oder Bus unterwegs. Alleine. Nichts konnte ihn aufhalten. Dauernder Kontakt via Smartphone mit Eltern und Verwandten. Dort in Jordanien, hier in Pöckstein. Welche Situation erlaubt es Eltern, ein Kind loszulassen in ein Leben, wo es ihm vielleicht besser ergeht? Hoffentlich? Wir er durchkommen? Mir wird schlecht, wenn ich nur drüber nachdenke. Wie gut es doch unseren Elfjährigen hier geht. Wieder läutet das Telefon. „Komme ich sicher zu keiner österreichischen Gastfamilie?“ So geht das seit heute Morgen . Kein Wunder. Abdallah glaubt nicht, dass er endlich zu seiner Tante und seinem Onkel und den Neffen in Kärnten kommt. Seit Montag fällt er mit seinen Tränen in Traiskirchen auf. Er hat genug. Genug davon, dass er Land und Familie verlassen musste. Genug von einer langen und beschwerlichen Reise quer durch Europa. Genug von wohlmeinenden österreichischen Beamten, die halt tun, was man tut. Einfach genug. Seit einer Woche telefonieren wir mit Menschen in Ämtern und Behörden. Überall ist man spürbar bemüht, dem Kind und seinen Verwandten so schnell als möglich zu helfen. E-Mails fetzen hin und her, wir telefonierten fast pausenlos. Und übersetzen in alle Richtungen. Trotzdem dauert der Behördenweg eine ganze lange Woche. Schwer vorzustellen, was im Herzen und im Kopf des Kindes vorgeht. Zurück zum Deutschkurs. Zwischen „Ich arbeite als Krankenschwester“ und „Mein Beruf ist Elektriker“, ein bemerkenswert schwer auszusprechendes Wort, der Elektriker, meldet sich alle zehn Minuten der Klingelton. „Ruf mich zurück, Tante!“ Wir biegen uns schon vor Lachen. Und auch vor Mitgefühl. Dann die beruhigende Nachricht: „Tante, ich sitze im Auto, wir fahren los!“

Die Jungs im unteren Geschoß überraschen mich heute. Volle. Die ganze Schultafel, die ein österreichischer Freund ihnen an die Wand schraubte, ist voll mit handgeschriebenen Wörtern aus dem Alltag. Auf der einen Seite Deutsch, daneben die arabische Entsprechung. Wir korrigieren miteinander Fehler, die sich einschleichen. Ich verrate ihnen in Österreich gängige Begriffe, die in der Smartphone App eher Deutsch daher kommen. Es geht richtig gut voran. Heute quillt der Raum fast über vor Teilnehmern. Ob das mit der Einladung zum Lammessen am Samstag zu tun hat, zu dem die fleißigen Lerner der letzten Wochen eingeladen gewesen waren? Ich bin richtig stolz auf den fleißigen Kern der Studenten. Einige sprechen schon so gut Deutsch, dass andere fast nicht mehr mitkommen. Unglaublich. Dafür fallen jetzt jene zurück, die sich aus unterschiedlichsten Gründen mit den Buchstaben megaschwer tun. Bei den Lippenlesern bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass sie nicht lesen können. Mindestens ein Legastheniker verwechselt alle Buchstaben. Ob es gut wäre, die Gruppen zu trennen? Andererseits entsteht natürliches Lernen, das mich verblüfft. Die wirklich guten Schüler beginnen, die schwächeren zu unterrichten, zu verbessern, ihnen die Phonetik zu erklären. Zum ersten Mal kann ich mich ein bisschen zurücklehnen. Und mehr spüren als denken. Ich schaue den jungen Männern dabei zu, wie sie sich gegenseitig über die frisch geschnittenen Haarschöpfe fahren, auf die Schulter klopfen und sich lauthals mitfreuen, wenn wieder ein Wort richtig ausgesprochen wird. So viel Herzlichkeit, so viel Wärme ist im Raum. Aber auch deutliche Abgrenzung zwischen Irakern und Afghanen. Ahmad wird mir später erklären, dass das mit der Geschichte der beiden Länder zu tun hat. Dass es für die Männer nicht so leicht ist, dass sie nun „gleich“ sind hier in Österreich.

Am Nachmittag habe ich eine SMS. „Abdallah is here!“ Ich flippe fast aus vor Freude, als sei mein eigenes Kind von einer langen Reise heimgekommen. Um 15 Uhr sind wir zu „Kabseh“ eingeladen. Das hat eine Geschichte. Als Abdallah vor einer Woche am Vormittag mit uns war, hatte Lames ihm dieses syrische Gericht versprochen. Niemand wusste an diesem ruhigen Vormittag, dass er erst eine Woche später mit uns am Tisch sitzen und dieses köstliche Reisgericht mit Rosinen, herrlichen Gewürzen und Huhn verspeisen würde. Wir essen, bis uns fast der Magen platzt. Hocken dann noch bei Zimttee (wie ich den liebe!) und Gesprächen über den Islam, das Christentum und die arabische Kultur am Boden und freuen uns über das Leben.

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