Wandelbar

Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne Ereignis. Donald Trump gewinnt die Wahlen in den USA. In Österreich wird ein Rechtsruck bei den Wahlen im Dezember erwartet, bei dem Wiederholungstermin einer Wahl, wohlgemerkt. The times, they are a’changin…

In Pöckstein sind alle jene beim Interview gewesen, die uns durch das viele miteinander Tun am Herzen lagen. Direkt nach meiner wunderschönen Canada-Reise im September kamen sie dran. Einer nach dem anderen. Zwölf Monate Warten auf den Termin vor der Fremdenpolizei. Und dann invegistatives, direktes Verhör. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Als Beisitzende werde ich ganz klein. Könnte ich alle meine Papiere bis zur Volksschule nachweisen nach einer überstürzten Flucht aus Österreich? Hätte ich Briefumschläge aufgehoben, die nachweisen, dass man mir Dokumente nachschickt? Wüsste ich den Namen meiner Großmutter und meines Großvaters mütterlicher- und väterlicherseits? Im Gegensatz zu meinen arabischen Freunden, die sich wacker durch die Fragen ackern, gehts mir elend. Ich bin froh, als auch das letzte lange Interview zu Ende ist. Dankbar für menschliche Verhörer, die nie das Augenmaß verlieren. Immer noch ein Zwinkern, ein Lächeln übrig haben für ihre Klienten. Dankbar für Menschen um mich herum, auch wenn es noch so rund geht.

Und nun – werden wir als Helfer langsam aber sicher überflüssig. Zwei Familien haben flott ihre positiven Bescheide bekommen. Sie ziehen innerhalb unseres Bundeslandes um, bleiben in Kontakt. Bei den anderen Männern heißt es weiter warten. Schlafen. Schlafen. Schlafen. Kochen. Internet. Weiterschlafen. Deutschkurse besuchen. Schlafen.

Der.Raum verändert sich. Derzeit ist er vor allem meinem Mann und mir Werkstatt für unsere schöpferische Tätigkeit. Er in seinem Holzparadies. Ich sitze zum ersten Mal in meinem Leben entspannt an der Nähmaschine, über bunten Perlen, bei Märchenwolle und tausend anderen Dingen, die ich so im Laufe meines Lebens machen wollte. Wir können wieder zu dem zurück kehren, was wir uns vor einem Jahr vorgenommen hatten. Künstlerisch arbeiten und schauen, wohin uns das bringt.

Und – siehe da, es beginnt sich wieder ein Weg abzuzeichnen. Die Hardcore-Variante der Beschäftigungspolitik junger asylwerbender Männer, das oft recht aufwändige Einfädeln von Kennenlernveranstaltungen am Land geht über in ein schöpferisches Tun. Auf Augenhöhe. Mit Freunden. Mit wirklich interessierten Menschen aus der Umgebung, die gerne mit ihren Händen arbeiten. Egal, ob sie hier geboren oder vor einem Jahr zugewandert sind. Genau heute hat mich ein junger zukünftiger Flüchtling gefragt, ob ich auch mit ihm fotografieren gehen und ihm mein Wissen weiter geben würde. Und ob ich will. Ich brenne dafür! In St. Veit wartet noch ein junger syrischer Mann. Wir werden es wieder angehen.

Unsere Vereinsstatuten sind nach einem halben Jahr schieben und davonlaufen und wieder darauf zurück geworfen werden nach der Inspektion durch eine Steuerberaterin am Weg zum Finanzamt. In ein paar Wochen gibt es uns offiziell als Verein. Ab da dürfen wir dann offiziell das tun, was wir 14 Monate eingefädelt haben…

Heute beim Nähen wurde mir klar, wie sehr wir von diesem Netz des letzten Jahres zehren. Da sind Elke und ihr Mann Bernhard von „Best of the Rest“, wir unterstützen uns gegenseitig. Da ist Michi Fischer mit ihrer ArtLounge, einer Schwesterplattform zu Der.Raum in Klagenfurt. Da ist Marie Luise Sickl-Gritzner und ihr Mann Hannes mit ihren klugen Fragen und einem großen Herzen für die Sache. Da ist Silvia Lindner mit ihrem blitzartigen Erkennen verborgener Talente, die so viel ermöglicht. Da ist meine syrische Freundin Lamis und ihr Mann Adnan, die mit den Kindern Teil unserer Familie geworden sind. So viele neue Freunde, so viele treue Freunde der letzten Jahre. Schön ist das.

Morgen fahren Elke und ich nach Wien zum Kongress bei Idee.Gration. Und feiern dort 15 Wiener Initiativen der Menschlichkeit dieses vergangenen Jahres. Gewonnen haben wir trotz Einreichung nichts. Aber wir sind dabei. Mal sehen, wie es uns so ergeht. Auch verlieren will gelernt sein.

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