Durchwachsener Aufwärtstrend

Den Jänner mit seinen länger werdenden Tagen liebe ich sehr. Heuer ist er anders. Unruhiger. Dramatischer. Seit vier Wochen sammle ich alle Kärntner Viren. Da bin ich konsequent. Nie wirklich krank, immer nur kurz und intensiv. Schaue ich um mich, bin ich nicht allein. Offensichtlich soll ich langsamer tun. Einiges in mir klären. Colin Tipping und die vier Schritte seiner „Radikalen Vergebung“ sind sehr unterstützend. Bei jedem „Über-Menschen-und-saudumme-Situationen-Grummeln“ schreibe ich. Und es hilft. Yeah, es hilft. Die Erleichterung folgt sofort.

Eine junge Frau aus Klagenfurt trifft sich mit uns. Sie will ins Fotografieren tiefer eintauchen. Die Aussicht auf eine interkulturelle Gruppe reizt sie. Gesagt, getan, nun sind wir wieder ein Kernteam. Unser Fixstarter Ahmad ist nach seinem positiven Bescheid vor ein paar Wochen gemeinsam mit seinem Bruder nach Wien gegangen, um dort sein berufliches und privates Glück zu suchen. Wie sehr ich mir wünsche, dass die Übung gelingt. Alles Liebe Ahmad und Mervan und Nicervan! So schön, dass ihr eineinhalb Jahre unsere Nachbarn ward!

Wie jeden Mittwoch Nachmittag freue ich mich auch diese Woche auf meine Kleinen in der Ebenthaler Volksschule. Kurzentschlossen begleitet uns der angehende junge Fotograf Hussain. Und wieder gelingt die Übung. Erste Brücken zwischen Österreichern und Zuwanderern entstehen. Die Kinder interessieren sich massiv für ihn. Reden ganz normal mit ihm. Hussain’s Deutsch wird hörbar besser. Er traut sich. Die Kinder trauen sich sowieso. Und fertige Schnee-Glitzer-Kugeln gibts zum Drüberstreuen. Die Betreuerin ist sprachlos, wie ruhig es dieses Mal zugeht. Wir sind glücklich. Die Kinder trauen sich langsam mehr zu. Erzählen von sich. Und am Ende besuchen uns die Großen aus der nächsten Gruppe. Sie sind schon voller Vorfreude auf ihre eigenen fertigen Werke.

Donnerstag Nachmittag ist es soweit. Die neue Fotocrew trifft sich nach aufwändiger Planung via Messenger in Klagenfurt. Eine Teilnehmerin will weg vom Automatikprogramm ihrer Kamera und Hussain erklärt ihr, was eine Blende und und was ein Verschluss ist. Hussain. Ich falle fast vom Sessel vor Überraschung. Mein irakischer Schüler weiß gar nicht, wie gut er bereits Deutsch spricht. Und wie viel er schon von der Materie verstanden hat. Meinen Sohn Andreas musste ich ein bisschen überreden, als Model zu fungieren. Er fühlt sich sichtlich wohl in der kleinen Gruppe. Es nebelschneit mal wieder. Das Licht ist mehr als gleichmäßig. Grau in Grau. Also werden die Smartphones gezückt und wir finden einen genialen Platz mit Graffitihandwerk. Ich bin sicher, man nennt das heute nicht mehr so. Ihr wisst schon, die bunten, gesprayten Ausdrücke von Leben, Widerstand und Individualität auf unseren grauen Alltagswänden. Zwei Stunden posen und fotografieren und erklären später haben wir alle erfrierende Hände und Füße. Dieses Thema wiederholen wir. Beim Heimfahren sehe ich noch buntere Wände. Energie folgt offensichtlich der Aufmerksamkeit.

Heute morgen wache ich mit den schon bekannten Symptomen auf – brennende Augen, verstopfte Nebenhöhlen, Husten. Mir ist wenigstens ein bisschen wärmer als sonst. Sami hat Geburtstag. Kleiner Mann, wie schön es ist, dich in unserem Leben zu begleiten. Sieben Jahre ist er nun alt. Und sein drittes verbringt er bereits mit uns. Auch er hustet und schnupft. Was seiner Freude auf Abenteuer keinen Abbruch tut. Aufgeregt hüpft er mit seinen leuchtenden und lichtblitzenden Winterstiefeln (Danke Moma!) durch die AMS-Gänge. Wir treffen einmal mehr Evelin vom Institut für Arbeitsmigration. Erzählen ihr, wie es uns grad ergeht. Und sie erzählt uns von ihren Plänen für St. Veit. Und bietet uns eine Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Zentrum Völkermarkt an. Was für eine Freude! Wir haben vor einigen Jahren sehr erfolgreich „Grenzenloses Kochen“ und einen „Interkulturellen Frauengarten“ in St. Veit durchgeführt. Dort docken wir wieder an. Und es wird anders werden. Aber über ungelegte Eier reden wir noch nicht. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Ein sehr freundlicher Mann aus Niederösterreich meldet sich bei mir. Er möchte uns helfen, weil ihm unser Tun gefällt. Offensichtlich hat er eigene praktische Erfahrung mit Integration. Wir vereinbaren einen ersten Termin in Graz. Willkommen Walter!

Zum zweiten Mal diese Woche treffen wir Freunde im Klagenfurter Magdas. Elke und Bernhard stellen uns Peter vor, der ihnen hilft, strategisch kluge Schritte zu entwickeln. Und Eva vom Verein VOBIS lerne ich auch endlich kennen. Große Freude! Immer voneinander gehört sitzen wir uns endlich persönlich gegenüber. Wir besprechen und planen und lernen uns alle miteinander kennen. Nebenbei kosten wir uns durch den orientalischen Teil der immer besser werdenden Speisekarte. Zu Mittag ist es wieder knallvoll im Magdas. Wie immer Bekannte und Freunde, die aus und ein gehen. Kein Wunder, dass die Teams in Küche und Service aufgestockt werden müssen. Vier (!) Stunden später fahren wir zufrieden und satt von Gesprächen und Kulinarik heim.

Elke sagt in einem Nebensatz, wie eigenartig doch unser Blogname sei. Okay. Ich hab mal wieder etwas vor mir hergeschoben. Herr Google erklärt mir in einem Tutorial, wie man WordPress und eine wo anders gekaufte Domain zusammen führt. Herzklopfend gehe ich es an. Zahle ein kleine Upgrade. Und wie ihr vielleicht da oben in der Adresszeile seht, ich war erfolgreich. Gerade wurde die Zusammenführung fertig gestellt. Wie froh mein Jüngster sein wird, dass seine alte Mutter zum ersten Mal ohne Telefonjoker ausgekommen ist.

Heute Abend ist Ruhe angesagt. Mein rechtes Auge spricht eine sehr klare Sprache. Alexander fährt alleine zum Maturaball seiner Tochter. Sami und ich machen es uns jetzt gemütlich. Der großmundig versprochene Häkelgeburstagsdrache ist auch nach drei Tagen nicht fertig und harrt seiner Gliedmaßen…

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