Nähen im Moorquell

Werden die Menschen uns verstehen? Werden sie mitmachen? Haben wir alles gründlich genug vorbereitet? Werden wir ihre Begeisterung wecken können? Aufregung und Spannung pur. Haben sich die zwei Wochen Vorbereitung ausgezahlt?

Der Näh.Raum hat im Moorquell am Donnerstag seine erste mobile Nadel-und-Faden-Werkstatt eröffnet. Dank euch Spenderinnen und Spendern sind wir mit drei gebrauchten, funktionierenden und gewarteten Haushaltsnähmaschinen eingewandert. Und mit mindestens zehn Kilogramm Stoffen und Musterstoffen und Garnen und Wolle und Perlen und tausend anderen Kleinigkeiten, die so eine Produktion braucht.

Im Sitzkreis erfahre ich all die neuen Namen und schreibe mir die Phonetik dazu auf. Es wird ein paar Wochen dauern, aber dann werden die Namen selbstverständlich mit den Menschen verbunden sein.

Die ausgetüftelten Upcycling-Prototypen funktionieren. Drei Frauen und ein Mann aus Afghanistan und eine irakische Näherin machten sich interessiert an die Arbeit. Von neun Uhr in der Früh. Bis 16 Uhr. Kurze Mittagspause inklusive. Parallel zu den Schneid- und Nähschritten schreibe ich jedes nähtechnisch wichtige Wort auf Deutsch an die Pinnwand. Fawal, der Schneidermeister und sein Freund preschen einfach drauf los und nähen ihr eigenes Huhn. Ohne Vorgaben. Die Einführung in die Nähmaschinentechnik interessiert die beiden Männer herzlich wenig. Und sie rumpeln voll in alle möglichen Fehler der Produktion. Lassen sich aber nicht abbringen, beraten und versuchen weiter – auf ihre eigene Art.

Die Frauen gehen es langsam an. Fragen, probieren, trauen sich langsam an die Sache heran. Bis zur Mittagspause sind wir soweit, die ersten Nähmaschinennähte anzugehen. Die Bewohner des Hauses kochen seit kurzer Zeit selbst. Und wir werden hingebungsvoll mit orientalischer Hausmannskost verwöhnt. Nach der kurzen Pause nähen wir weiter. Jetzt wird es emsig. Nach dem ersten gelungenen Stück fangen die Frauen bereits die Serienproduktion an. Langsam stellt sich trotz konzentriertem Arbeiten da und dort herzliches Gelächter ein. Die Hühner sind tricky, es gibt viele Möglichkeiten, sie falsch zu nähen. Jede rumpelt mindestens einmal in die Falle „Ich kann das schon, ich muss nicht mehr nachsehen“. Mitten drinnen auch ich. Was wie immer für Erleichterung sorgt – die Lisa, die kann auch nicht alles. Juhuuuu! Wir lachen und scherzen, auf Deutsch, auf Farsi und auf Arabisch.

Am Abend besprechen wir die ersten Werke, Alexander, Conny, Andrea und ich. Wir sehen die Linie, die entstehen wird. Und mir persönlich wird klar, wo wir heute in der Produktion nicht auf Linie sind. Und wo wir sie sogar noch verstärken können. Ich buntes, ausuferndes Wesen lerne echt noch was über Design und Entwicklung. Direkt beim Tun. Und vollkommen stimmig.

Heute um neun Uhr in der Früh sind tatsächlich alle Frauen da. Unser Osterhase Marke Edel ist einfach im Zuschnitt. Hat es aber beim Nähen in sich. Fehler sind sofort sichtbar. Müssen getrennt und behoben werden. Der übliche zweite Tag nach der Anfangseuphorie. Die Frauen halten durch. Fawad hat seine Frau Fakhunda geschickt. Der Herrenkleidermacher hat keine Lust, sich mit den Frauen um Hühner und Osterhasen zu kümmern. Und wir sind glücklich über die junge Näherin, die voller Freude dabei ist und sich total gut anstellt. Beim Mittagessen – wir sind schon wieder zu den köstlichsten Speisen eingeladen – höre ich, dass die Männer sich zusammen tun und besprechen, was SIE herstellen könnten. Keine Frauensachen. Männersachen. Sie haben Ideen. Und sie sind aufgewacht. Lasst euch überraschen. Es wird genial.

Wofür wir das alles machen? Freut euch auf den 24. Mai 2017. Da zeigen sich die Bewohnerinnen und Bewohner bei ihrem ersten großen interkulturellen Fest dieses Jahres her. Und sie werden euch persönlich erzählen, wie es ihnen geht und was sie mit wem in welchem Aktionsraum am Gelände gemacht haben. Wir haben sehr viel vor.

Als ich gestern Abend von meiner Freundin Allma heimfuhr kam ich in den Genuss der Wiederholung des Ö1-Vormittagsprogramms. Eine mir unbekannte deutsche Therapeutin und  der Tiroler Psychologe und Psychotherapeut Haller sprachen über die Macht der Kränkung und über die fehlende Selbstwirksamkeit, der sich Migranten in Europa gegenüber sehen. Und was für ein Pulverfass das sei, unsere „heile Welt“ zu sehen. Und aus den persönlichsten Gründen nicht teilhaben zu können. Ob es in Pöckstein war, mit unseren Freunden in Villach oder jetzt hier im Moorquell: die vor dem Krieg und den jahrelangen militanten Auseinandersetzungen der Clans geflohenen Frauen und Männer erleben einmal mehr, dass ihr Sein wirksam ist. Wieder wirksam wird. Dass sie sich auf den österreichischen Arbeitsmarkt und ihr Leben hier in Österreich vorbereiten, indem sie sich ausprobieren und vielleicht auch Dinge tun, für die bis jetzt in ihrem Leben nie Zeit war. Dass sie in Verbindung treten können mit jenen, die schon länger hier leben. Möge die Übung gelingen. Für ein gutes Leben und für ein menschliches Miteinander.

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