Seife und Sonntag

„Wohin fahren wir heute?“, fragt mich Nidhal. Nidhal und Shahed warten schon auf mich. Ich erzähle ihnen, dass wir in unser 500 Jahre altes Haus fahren. Und nutze die Zeit und löchere sie mit Fragen über Handarbeit und Kunsthandwerk im Irak. Die beiden staunen. Selber gemachte Sachen? Nein, früher einmal, da haben die Leute Dinge selber hergestellt. Aber jetzt, jetzt kommt alles aus China. Total billig. Nicht so teuer wie hier in Österreich. Ich bin echt platt. Wieder ein paar Vorurteile, die ich mir abschminken kann. Aber ich habe nun ein gutes Argument, warum wir Dinge selber herstellen. Weil wir sie uns nicht leisten könnten! Später am Abend werde ich hören, wie dankbar Nidhal für das Nähen und das Filzen ist. Sie fühlt sich wieder gebraucht. Endlich.

Sie erzählen mir ein wenig über ihre Zeit in Bagdad. Dass es im Sommer kochend heiß ist. Dass der Krieg sie fertig gemacht hat. Dass beim Fastenbrechen eine Bombe hochging und 500 junge Menschen zugleich starben. So das Übliche halt. Wir hören diese Geschichten seit fast zwei Jahren. Ich bekomme immer noch Magenweh beim Zuhören. Nidhal hatte Glück. Sie konnte mit ihren zwei Söhnen, ihrer Tochter und einigen Enkelkindern fliehen. Wo ihr Mann ist, traue ich mich noch nicht zu fragen. Vielleicht erzählt sie es ja irgendwann einmal. Sie war Buchhalterin, 35 Jahre lang. Und hofft so sehr, dass sie in Österreich wieder Fuß fassen kann. Ihre Tochter spricht inzwischen nicht nur gutes Deutsch, sondern waschecht Kärntnerisch. Schulkind eben. Morgen bricht sie zum ersten Skikurs ihres Lebens auf. Wir sind gespannt!

Sieben Menschen sitzen um den Seminartisch. Die Sonne strahlt beim Fenster herein. Und lässt die gefärbte Wolle zwischen uns aufleuchten. Danke Clara, wir haben sie heute wirklich dringend nötig gehabt! Laura erzählt, sie hat sich Youtube-Tutorials für Blüten hineingezogen. Gemeinsam versuchen wir, das Gelernte Revue passieren zu lassen. Und kommen sofort ins Tun. Unsere Kiddies filzen Überraschungseierbälle, der Rest der Gruppe wagt sich an Blüten und Filzplatten. Und es klappt, juhuuu, wir sind besser als beim ersten Mal! Die Rechnung des Lernens voneinander geht einmal mehr auf. Es passieren Fehler, die wieder eine neue Idee bergen. Aus eigentlich zu filigranen Platten werden zauberhaft zarte Dekoblüten. Oder ein Blatt wandelt sich zur Blüte, weil das Schrumpfen der Wollfasern anders kalkuliert war. Und wir verstehen noch mehr in der Tiefe, warum es wichtig ist, von allen Seiten zu pressen und zu reiben und zu walken. Nur so hält das Material wirklich gut. Heißes Wasser ist besser als kaltes. Es gibt nicht nur zu wenig Seife sondern auch zu viel. Filzen mit Handtuch macht eine andere Oberfläche als filzen mit Gitter. Lernen ohne Ende. Zwischendurch verwöhnt uns Alexander mit einem feinen Mittagessen. Am Nachmittag schmieden wir  Pläne, wohin uns unser Filzen führen wird. Ein möglicher Mantel steht plötzlich fast greifbar im Raum. Tja, filzen macht sehr viel möglich.

Vergnügt gehen wir auseinander. In drei Wochen geht es direkt im Moorquell weiter. Einladung folgt! Alexander und Luca besichtigen im Moorquell die fertige neue Werkstatt. Reines Männergespräch. Strahlend kehren sie wieder. Das passt und stimmt einfach. Ab nächster Woche gibt es sechs weitere Praktikumsplätze. Und endlich auch Männerarbeit.

 

 

4 Kommentare zu „Seife und Sonntag

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