Amt und Hand

Ein schnelles Getränk in einem Klagenfurter Café. Ein Mann kommt herein. Wichtig. Mit Sonnenbrille. Hände in den Hosentaschen. „Sie wissen eh, man könnte Sie anzeigen“, sagt er zu der verdutzten Verkäuferin. Wovon er spricht, will sie wissen. Wir hören aufmerksam zu. „Sie suchen eine Verkäuferin. Das geht in Österreich aber nicht. Das ist ja rassistisch. Sie müssen das – Sie wissen eh – wie das in Österreich heißt, das mit Verkauf und -In“. „Gendern“, schlage ich vor. Er schaut mich groß an. „Ja, irgend sowas halt“, meint er. Ich muss grinsen. „Was, wenn eben nur eine Verkäuferin gesucht wird?“ „Das geht in Österreich nicht, das dürfen Sie nicht, das kann man anzeigen“, regt er sich auf. „Aha, wo?“, frage ich. „Wo zeigt man das denn an?“ Er wird immer angespannter. „Na, da in der Stadt halt, wo man das macht!“, herrscht er mich an. Ich zweifle, mit Worten und mit meiner Haltung. „Als wenn wir sonst keine Sorgen hätten“, murmelt die Verkäuferin.

Niemand weiß, dass wir Stunden vorher ein Amtsgespräch haben, das ähnlich verläuft. Wir werden höflich und sehr freundlich belehrt, was man alles für einen EU-Antrag zu leisten hätte. Uns fliegen Worte und Phrasen um die Ohren, die in dieser Kombination vollkommen neu sind. Wieviel Prozent von dem, wieviel Arbeitsleistung von dort. Eigenmittel. Gesamtvolumen. Lohnkosten. Auf keinen Fall gebrauchte Geräte, nur Neugeräte. Nein, Benzingeld wird nicht gefördert. Reparatur und Wiederherstellung, Wartung und Ersatzteile. Nein, wird eher auch nicht gefördert. Nachhaltigkeit, uns ist die Nachhhaltigkeit wichtig, werfen wir ein. Das wird aber nicht gefördert. Und nein, nicht die EU macht diese Regeln. Sondern Österreich. Kein EU-Mitglied hat so unfassbar kontrollierende Vorgaben wie Österreich. Ich denke an den von mir so geschätzten und verehrten #Gerald Hüther. Der sagt, das Hirn sei kein Muskel. Sinnlos, irgendwas da oben anzuspannen, ich werde deshalb auch nicht besser verstehen. Ich schaffe es, mich vollkommen zu entspannen. Die Situation wahrzunehmen, mich zurück zu lehnen. Nachzufragen, wenn ich ein Wort nicht verstehe. Ich bin vollkommen bei mir. Beginne innerlich zu grinsen. Was für eine Bühne. Was für ein Schauspiel. Entweder finden wir jemanden, der uns durch diesen Dschungel hilft. Oder wir finden einen anderen Weg. In dem Moment beginnt auch unser Gegenüber anders zu sprechen – oder höre ich ganz anders zu? Ich verstehe plötzlich. Man(n) versucht ehrlich, uns zu helfen. Uns klar zu machen, wie der Hase läuft. Ob wir mitlaufen oder nicht, das ist dann eine andere Entscheidung. Wir werden sehen.

Ich führe Alexander in die Werkstatt im Moorquell. Montag, Dienstag und Donnerstag. Eine starke Woche. Heute geht es mit den Regalen und bei den Männern weiter. Luca ist da und bastelt an seinem neuesten Werkstück. Fawad und zwei Freunde kommen, Musa hilft uns das Auto auszuräumen. Wir führen ein paar tolle, zukunftsweisende Gespräche. Und da ist es wieder, das Herzklopfen, die Vorfreude, die innerliche Weite. Hier geht es weiter. Hier sind wir richtig.

Unsere Offene Trockenfilzgruppe am Samstag in Wolfsberg verwandelt sich wie durch Magie. Johanna arbeitet an ihren österlichen Filzkunstwerken und nadelt und nadelt und nadelt. Hach, da entstehen so witzige, humorvolle Sachen. Maria Regina ist vollkommen auf Puppennähen eingestellt, ich auf Puppen filzen. Also – nähen wir Puppen. Pfoah, ich habe Herzklopfen. Ich muss ins kalte Wasser springen. Die Wissendste unter uns, Hemma, kann kurzfristig nicht dabei sein. Also bin ich dran. Mit einem wunderbaren Buch habe ich vor zwanzig Jahren Puppen zu nähen begonnen. Mit Hilfe einer erweiterten Auflage dieses Buches und meinem Körpergedächtnis stürzen wir uns in diese Herausforderung. Wir sind ein geniales Team. Irgendwie treiben wir alles Notwendige auf. Der Schmäh rennt. Der Kuchen schmeckt. Nach sechs Stunden hat jede von uns fast eine komplette Puppe genäht, gestopft und zusammengefügt. Hemma, wir sind nah dran, es gut hinzukriegen! Jetzt brauchen wir dann dringend dich. Fotos gibts heute ausnahmsweise keine – siebenachtelfertige Puppen zeigen wir noch nicht her.

Abschließend ein Hinweis in eigener Sache: manche Kostbarkeiten aus unseren Werkstätten wandern von nun an ins Klagenfurter Fachl in der Paradeisergasse. Fachlmeisterin Ingun Kluppenegger bietet uns die Möglichkeit, unseren gemeinnützigen Verein und seine Produkte und Tätigkeiten zu präsentieren. Was wir dankbar tun. Sie begleitet Interessierte professionell und versiert dabei, eigene Produkte bestmöglich zu präsentieren und anzubieten. Redet mit ihr, es zahlt sich aus. Unser Fachl findet ihr kurz vor der gemütlichen Sitzecke im Halbstock des Stiegenaufganges.

fachl-klagenfurt

 

 

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