Sternstunden und Potential

Letzte Woche saß ich mit Parissa, meiner fast einundzwanzigjährigen Freundin aus Afghanistan, auf Pappendeckeln am Boden. Vor unserer Werkstatt. In der wärmenden Sonne. Parissa stellte Maschen für die Dekohasen her. Dabei klemmte sie die Maschenform zwischen ihre Zehen und fädelte, geschickt und geschwind wie sie ist, unzählige Schleifen. Ich malte stillvergnügt Metalldosen mit Grundierfarbe an. Eine Freundin stand plötzlich hinter mir, Barbara. „Ach Lisa, das passt – genau das passt zu dir“, hörte ich sie sagen. Und es war vollkommen stimmig.

Ich bin glücklich. Seit Wochen. Habe so stark das Gefühl, all das Sammeln von Anleitungen, das viele Werkmaterial, all diese unerfüllten Sehnsüchte nach Tun – sie realisieren sich jetzt. Langsam geht auch dieser Erwartungsdruck an mich selber weg. Werde ich die Frauen begeistern können, werden sie mitgehen, werden sie dran bleiben. Ja, es ist herausfordernd. Na klar! Wir sprechen nur rudimentär eine gemeinsame Sprache. Wir haben unterschiedliche Ansprüche an Qualität. Ich bin auch keine vom Himmel gefallene Meisterin. Ich mache Fehler. Ich lerne dazu. Wir lachen viel, wenn wieder mal was schief geht. Dann wird halt getrennt und neu angefangen.

Es gibt so viele Sternstunden. Nidhal ist eine so geschickte Näherin, die mich gern an ihrem Wissen teilhaben lässt, die mir viel über ihre Religion erzählt, die ihr wichtig ist. Ich kann mit ihr von Frau zu Frau reden, auch wenn Worte fehlen.

Dann Parissa, die Flotte, die Schnelle. Wir haben nun ihres gefunden – sie ist geschickt mit den Händen. Die Nähmaschine überfordert sie, weil sie zu Hause eine mit Handkurbel hatte. Als sie mir heute ihr gesmoktes Stoffstück mit den Glitzerperlen zeigt bin ich überwältigt. Jetzt fängt wirklich das an, was ich so hoffte. Dass die Frauen Fähigkeiten und Fertigkeiten haben, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Und dass sie mir ein wenig davon zeigen.

Najla, die still vor sich hinarbeitet und alles tut, worum ich sie bitte. Und immer, immer mit einem herzlichen Lächeln. Eine junge neunzehnjährige Frau ist ganz neu dabei. Natürlich habe ich mir ihren Namen noch nicht gemerkt. Sie zeichnet vor sich hin und ist technisch genial. Unglaublich, was sie für Muster aufs Papier bringt. Conny zuliebe hat sie sich heute mit Albert Dürrer’s Hasen auseinandergesetzt. Ihre Motive auf den handgezeichneten Karten werden ein Hit sein.

Farkhunda sehen wir momentan selten, sie ist voll mit ihrer kleinen Sara, mit dem Deutschkurs und der irgendwann kommenden A1-Prüfung beschäftigt. Und grad mit ihrem zahngeschmerzten Sohn. Aber wenn sie da ist, näht sie flott und kompetent.

Und dann ist da die fast zweijährige Nadschma, die lautlos weint und nicht spricht. Sowas nennt man wohl Kriegs- oder Fluchttrauma. Wir haben in der Früh und zu Mittag eine Art der Begrüßung gefunden, die ihr nicht zu nahe kommt. Wir strahlen uns an und wir winken uns. Und ganz selten höre ich von ihr ein lautes Hallo, mitten aus einer Kindergruppe. Und ich freue mich.

Heute hat mich gegen Abend ein Mädchen aus Tadschikistan besucht, die mit ihrer ganzen Familie da ist.  Ich höre Geschichten über die Fundamentalisten in ihrer alten Heimat. Die sie zwingen, Dinge zu tun, die niemand tun will. Auch nicht im Namen einer gemeinsamen Religion. Sie erzählt mir über das Klima, die Region. Und wir staunen beide, wie wenig ich über dieses Land weiß. Ich musste schon wieder googeln, wie man dieses Land schreibt, wie peinlich… Sie lernt ununterbrochen, liebt ihre Schule in Brückl, ihre Lehrer. Sie will Ärztin werden. Oder Moderatorin beim Fernsehen. Und sie will nähen lernen. Ich werde mir was einfallen lassen müssen. Es gibt schon drei Interessierte…

Wisst ihr, so sieht mein Leben derzeit im Moorquell aus. Und ich habe euch noch gar nicht vom Mittagstisch erzählt. Oder von den vielen Kindern, die mich besuchen kommen und ausfragen.

Fad? Keinen Moment. Zahlt es sich aus? Für mich – ja! Ich freue mich riesig, wenn ich sehe, dass der Upcyclingstore auch außerhalb der Öffnungszeiten besucht wird. Dass unsere Arbeit angenommen wird. Dass wir Menschen eine Freude machen mit dem, was wir hier tun. Hier geschieht Integration. Hier begegnen sich Menschen. So können wir weiter machen. Genauso geht es.

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