Menschen und Menschen

Draußen weht ein erstaunlich kalter Sommerwind ums Haus. Zwingt ganz natürlich zum Rückzug, zum Pausieren, zum Innehalten.

Bin das noch ich in all meinen Projekten, denen ich derzeit nachgehe? Dass ich mich so einer Frage überhaupt stellen kann zeigt, wie privilegiert ich lebe. Ich entscheide, ob ich (m)ein Hamsterrad am Laufen halte. Oder ob ich freiwillig von außen zuschaue, was ich tue. Was ist noch stimmig? Wo beginne ich, mich zu verbiegen, mich zu bemühen, zu sehr zu wollen und vor lauter Anstrengung kleine Dinge zu übersehen, die mir gut getan hätten?

Irgendwann diese Woche blättere ich im Propheten von Khalil Ghibran. Zufällig. Lese diese alten Weisheiten zu Recht und Unrecht, Erfolg und Misserfolg, Glück und Unglück. Irgendetwas berührt mich an an den Worten. Ich kann es noch nicht so recht zuordnen.

Einen Tag später begegnen wir Konrad, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus alten, kaputten Fahrrädern in einer Hilfe-zur-Selbsthilfe-Weise wieder funktionierende mobile Untersätze zu basteln. Er spricht eine einfache, klare Sprache. Erzählt uns ein bisschen seiner Lebensgeschichte, die ihn dorthin geführt hat, wo er nun unterwegs ist. Er hat sich jeden Schritt zu Ämtern und Behörden selbst erarbeitet, nicht zu ihm und seinem Projekt Passendes ausgeschieden und zugegriffen, wenn es gestimmt hat. Er weiß genau, was er gerade tut, wie er tut und warum er tut. Kein einziges verletzendes Wort, kein einziges Urteil über einen anderen Menschen verlässt seinen Mund. Mein Mann wird später sagen, das Gespräch sei so friedlich gewesen. Das trifft es auf den Punkt. Wir sind einem Menschen begegnet, der sich vollkommen annimmt und das auch ausstrahlt. Es ist der reine Genuss. Hinterher fällt mir auf, dass Sätze gefallen sind, die ich im Propheten gelesen habe…

Am selben Tag sitzen wir mit Menschen zusammen, die uns in ihre Mitte aufnehmen mit unserer Tätigkeit in und um unseren Verein. Ein neuer Wind weht uns um die Ohren, wir feilen miteinander an Formulierungen und Wörtern, die unser Menschlichsein in den Mittelpunkt unserer Tätigkeit stellen und das auch kommunizieren. Ich spüre am eigenen Leib, wie jahrzehntelang eingeübte hohle Phrasen auch mich im Griff haben. Da IST Platz für Neues. Und viel Gewohntes wirkt noch. Es tut einmal mehr gut, in einer Gruppe zu sein. Die anderen und ihre Weisheit zu spüren und auch mal nur zuzuhören. Einfach mitzugehen und erst wieder zu sprechen, wenn es nötig wird. Ganz schön eine Herausforderung für mich. Mein Mann tut sich da viel leichter. Wenn ich ehrlich bin, finde ich es ganz schön aufregend, schon wieder neue Wege auszuprobieren, die mit Entscheidungsfindung und Kommunikation zu tun haben.

Gestern war ich eingeladen, unseren Verein und unsere Fotoplattform bei einer Österreichtagung der Katholischen Frauenbewegung in Knappenberg zu präsentieren. Es tut mir gut, immer wieder auch sprechend zu reflektieren, was ich eigentlich tue. Was wir hier tun. Und wie wir tun. Weil ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt, habe ich der Früh kurzfristig jene zwei Stücke aus dem Näh.Raum eingepackt, die mir persönlich in der Herstellung am meisten Freude bereiten. Das Holzschiff aus Altholz mit den Slama’schen Stoffmustersegeln in Lila. Und die Babypuppe aus grünem Samtvorhangstoff. Beim Nähen denke ich dauernd an meine erste Enkelin, die Anfang Oktober unsere Familie beleben wird.

Ich staune von Herzen, wie begeistert die Menschen von diesen Stücken sind, an denen auch mein Herz hängt. Diese eine Babypuppe aus moosig grünem Vorhangstoff muss ich folgerichtig loslassen. Eine werdende Großmutter verliebt sich augenblicklich in sie. Meine schwangere Tochter, die mich begleitet, nimmt das locker. Und bestellt eine in Zartrosa. Aber auch so plüschig und schmusig und mit dieser dunklen Haut. Das Leben bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auf mein Herzklopfen beim Puppennähen zu hören.

Silvia, meine wirklich geniale coachende Mitgeherin, lacht nächste Woche vermutlich mit mir, wenn ich staunend erzähle, wie ihre intuitiven Worte und Bilder zu leb- und spürbaren Wahrheiten in meinem Leben werden. Wie sich die Magie meines Lebens ihren Weg sucht. Wie sehr mein Herzklopfen, mein inneres Leuchten sichere Wegweiser sind. Es tut mir gut, dass sie mich in dieser Übergangszeit konsequent zu mir und meinem Leuchten zurück holt, wenn ich zu viele Menschen in mein grad so schön fahrendes Boot einladen will.

Unser Sami wünscht sich einen Rucksack. Wir haben einen alten, auseinander fallenden zerlegt, einen einfachen Schnitt gezeichnet. Wie gut es mir getan hat, im Moorquell unzählige Einkaufstaschen und Shopper zu zeichnen und zu nähen. Ich habe viel Praxis erworben. Dieser Schnitt geht schon wie von selbst. Sami bestimmt, dass wieder einmal ein Drache auf ihm leben soll. Ich sehe ihn schon vor mir. Alexander zeichnet beim Frühstück einen Entwurf. Ich wühle in den wundervollen geschenkten Möbel- und Vorhangstoffen und schaue, was am ehesten als Drachenhaut in Frage kommt. Das Ganze klingt sehr nach Patchwork und Applizieren und Sticken. Fotos folgen, sobald was Herzeigbares entstanden ist.

Danke für euren Besuch im UpcyclingStore im Moorquell, Barbara und Horst! Was für eine Freude, Menschen aus den sozialen Netzwerken persönlich kennen zu lernen und sich mit euch auszutauschen. Nidhal hat sich volle über die Jeansstoffe gefreut, ich bin schon gespannt, wie die nächsten Smartphone- und Tablethüllen mit diesem Jeansnachschub nun ausschauen werden! Danke euch auch, dass euer Hund Popeye angstvolle Kinder zu Freunden gemacht hat. Was für ein wunderbarer Hund… Wir freuen uns auf die nächste Begegnung mit euch!

Ich wünsche euch ein friedliches und wunderschönes Wochenende – keep on shining!

 

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