Schulbeginn und kein Upcycling

Der Tag fing heute schon super an. Es ist noch finster, ich bin putzmunter. Keine Ahnung, wie spät es (schon) ist. Mein Smartphone weiß es auch nicht. Akku leer. Lichtschalter ein, um das Gerät anzustecken. Geht nicht. Kein Strom. Bestimmt hätte ich gleich gestern Abend das knisternde Verlängerungskabel auswechseln sollen. Den Kurzen in der Leitung habe sicher ich ausgelöst. Durchs Dunkle vom zweiten Stock ins Erdgeschoß. Alles finster. Kein Strom im gesamten Haus. Ein Blick auf die Uhr im Halbdunkel, es ist Viertel nach Sechs. Bild vorm Sicherungskasten abhängen, Schlüssel für den Sicherungskasten im Finsteren ertasten. Die FI’s abtasten. Alle oben, also überhaupt kein Strom. Ebenfalls im Finsteren ertaste ich mir Streichhölzer, Kerzen und trage alles nach oben in den ersten Stock. Mein Mann geistert im flackernden Kerzenlicht herum. Als überall Kerzen brennen und wir grad überlegen, ob wir uns am Campingkocher den dringend nötigen Kaffee kochen, springen Kühlschrank und Gefriertruhe wieder an. Der Strom ist wieder da.

Umso besser. Weil ich gestern so intensiv am Figuren filzen war, musste die Einwickelarbeit der Schulbücher unsere Zweitklasslers warten. Um ihm die Schande zu ersparen, der Einzige zu sein, der keine folierten Schulbücher hat, erbarme ich mich noch schnell vor Schulbeginn und gedenke, das so leicht und easy und flockig wie all die Jahre mit meinen drei Kindern hinter mich zu bringen. Mein Mann war extra gestern noch beim LIBRO und brachte durchsichtige Folie mit. Alles kein Problem. Ich bin ja sicher noch geübt.

Was sich dann in der folgenden Dreiviertelstunde ereignete, ist ein filmreifes Drehbuch mit drei Hauptdarstellern und einer Rolle Folie nebst Schere(n). Die Folie ist elastisch und vollkommen weich. Ich registriere anerkennend, dass man nach all den Jahren einen Knick ins Abziehpapier gemacht hat, um den Anfang der Folie nicht stundenlang zu suchen. Also alles kein Problem. Bis mir dieses Papier nach zwei Zentimetern einreißt. Eine Hand hält das Schulbuch, die zweite versucht das angerissene Papier herunterzuziehen. Mein Ärmel klebt an der bereits abgezogenen Folie. Ich fluche, Sami schaut mit großen Augen zu und vergisst auf sein Frühstück. Ich fühle mich beobachtet und hasse das. Zweiter Akt. Mein Mann tritt auf. Hält hier, drückt dort. Früher war es ein Klacks, mit einem weichen Tuch die Folie aufs Schulbuch zu reiben. Ja, früher. Diese Folie hier ist nachgiebig und ich schaffe es, nebst drei Luftblasen auch fünfzig Falten auf den Buchdeckel zu reiben. Ich leide mit Sami mit, dass er das ganze Schuljahr nur schrecklich eingewickelte Bücher wird verwenden müssen. Acht habe ich noch vor mir. Mittlerweile hat sich der überstehende pickige Rand der Vorderseite innig mit der Rückseite verbunden. Ich ziehe und zerre. Die Folie gibt willig nach, wellt und dellt. Mit der Schere versuche ich, beim Buchrücken einzuschneiden. Die Küchenschere ist vollkommen stumpf. Die aus der Werkstatt nagt mehr als sie schneidet. Schere Nummer Drei schneidet wenigstens in der Mitte ein bisschen. Mein Mann sagt, er sollte vielleicht einen Arbeitsplatz fürs Schulbücher einpacken richten, mit Stanleymesser und Co. Ich denke an all die Alleinerzieher und arbeitenden Menschen in ihren Stadtwohnungen und merke, ich werde zornig. Ich nehme mir die bedruckte Abwickelfolie mit der Bildbeschreibung vor. Aha. Papier abziehen, Buch drauf, Ecken einschneiden, fertig. Buch Nummer Zwei. Wieder reißt das Papier. Ich schwitze. Der Kaffee ist ausgerechnet heute dünn und unwirksam. Eh klar. Folie halbseitig abgezogen, Buch drauf. Weil es so gut geht, gleich Rückseite auch gemacht. Ahnt ihr es? Genau. Innige Verpickung der überstehenden Folie. Ich schimpfe aufs Material, überall wird gespart, sogar bei den Schulbücherfolien. Das ging doch mal ganz einfach! Und überhaupt, wozu all das Plastik, flächendeckend? Wieso bekommen die Buchdeckel nicht gleich eine abwischbare Folie bei der Herstellung? Mir fallen meine mit Packpapier versorgten und von mir bemalten Einbände aus meiner BHS-Zeit ein. Ausdruck von Individualität. Papier und Tixo. Fertig. Waren die Einbände zerrissen, war meist auch das Schuljahr um. Mein Mann sagt, er hätte vielleicht doch die Fertigeinbände kaufen sollen. Fertigeinbände?! Wie bitte? Naja, nur zwei Bücher hätten nicht in die Einbände gepasst, waren zu klein. Also habe er sich für die Folie entschieden. Ich köchle vor mich hin. Ich sehe sie vor mir, all die Plastikfolienrollen in Österreich. Was für eine sinnlose Verschwendung! Müssen wir da wirklich mitmachen? Noch sieben Bücher. Dieses Mal schneide ich die Ecken vorher ab, so wie auf der Beschreibung angegeben. Tja. Dann müsste man halt diese angeschnittenen Ecken auch punktgenau erwischen. Mein Galgenhumor kommt hoch. Ich bin handwerklich nicht ungeschickt. Aber das hier, das übersteigt offensichtlich meine Kompetenzen. Sami löffelt stumm seine Cornflakes aus. Es ist diese Zeit, wo sich Kinder und kleine Hunde vor mir in Sicherheit bringen sollten. Buch Nummer Vier bis Acht verlassen den Tisch mit weniger Falten, dafür mit eindrucksvollen Blasen. Beim letzten Buch bin ich einfach nur froh, dass es das Letzte ist. Egal, wie es aussieht, es ist eingepackt.

Pünktlich verlassen Sami und Mann das Haus, inklusive folierter Bücher in einer megaschweren Schultasche. Heute Abend werden wir mit Stecknadeln Blasen anstechen. Letzter Akt. Ich hoffe, wir merken uns bis nächstes Jahr Schulbeginn, dass es Fertigeinbände für manche Größen gibt. Oder dass man über das Material für Einbände vorher verhandeln könnte. Und das Ganze natürlich schon dann macht, wenn die Lehrerin es uns als Hausübung aufgibt. Nämlich sofort. Sonst lesen wir uns halt hier wieder.

Und? Bei euch so?

 

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