Warten und kein Ende

Gestern war mein irakischer Freund Hussain Khalid zu Besuch. Wieso er nicht in der Schule ist? Er ist einundzwanzig Jahre alt. Kein Pflichtschulbesuch mehr möglich. Er wartet auf Anfang November. Da darf er in der Villacher HTL in einer Klasse sitzen, die für Menschen wie ihn geschaffen wurde. Junge Menschen, die auf ihr Interview warten. Oder auf ihren Bescheid. Oder auf den Ausgang des dritten Interviews nach ihrem Einspruch gegen den negativen Bescheid. Bei Hussain waren es gestern auf den Tag genau zwei (!) Jahre des Wartens. Auf das zweite Interview. Ja, mein erster Impuls war auch: „Wenigstens bist du mit deinen Eltern hier in Kärnten in der Sicherheit eines Landes ohne Krieg.“ Dann höre ich ihm länger zu. Und stiller. Mein Kopf, mit all seinen Wahrheiten einer in Österreich Geborenen, hält die Klappe. Eine Familie ist vor dem Krieg im Irak geflüchtet, vor der Verfolgung durch den IS und seinen Schergen. Die Mutter ist schon krank gekommen. Der Vater hat Rheuma. Richtige Schübe. Hussain fühlt sich für seine Eltern verantwortlich. Wohnt seit zwei Jahren auf engstem Raum mit ihnen zusammen. Er ist nervöser denn je. Raucht viel zu viel, trinkt viel zu viel Kaffee. Sein bester Freund hat nach Monaten des Wartens einen negativen Bescheid bekommen und wartet jetzt voraussichtlich wieder sechs Monate, was bei seinem Einspruch gegen den Bescheid für die ganze Familie heraus kommt. Hussain ist ein guter Fotograf geworden. Er ist aktiv in einer lässigen Theatergruppe in Villach, wo er sich mit österreichischen Frauen und Männern auseinander setzt. Er möchte so gerne parallel ein Zeitungspraktikum machen, schauen, ob es für ihn beruflich später als Fotojournalist weiter gehen könnte. Geht nicht. Kein Praktikum ohne Bescheid. Tut uns leid.

Ja Himmel, wie jetzt? Wissen wir eigentlich, was wir mit dem Warten bei manchen Menschen anrichten? Hussain verbirgt dauernd seine Augen vor mir. Die Tränen sitzen ganz oben, es ist ihm peinlich. Er sieht keinen Weg (mehr). Ich lade ihn ein, für uns und die Fotoplattform zu fotografieren. Die ja ohnehin multikulturell angedacht war, von Anfang an. Seine Sicht auf Österreich, aber auch seine Sicht mit seiner arabischen Prägung ist hier mehr als willkommen. Wieder fällt mir auf, wie sehr er befürchtet, dass auch das nicht geht. Kein Geld für die Anschaffung von Requisiten, kein Geld um irgendwo hin zu fahren, keine Ahnung, welche location. Und die alte Kamera – nicht gut genug. Dann hört er mir zu. Mir, die an ihn glaubt wie an so viele andere in den letzten zwei Jahren. Mir, die seit 15 Jahren in einem so lebendigen Netzwerk mit wunderbaren Menschen arbeitet. Ich schlage ihm einige Möglichkeiten vor.

Wir reden offen darüber, dass es wirklich sein könnte, dass seine Familie zurück in den Irak gehen muss. Dass er aber dann diese Miniausbildung hier in Europa mitnimmt. Dass ihm das keiner nehmen kann. Und dass einfach alles besser ist als vor dem Fernsehapparat zu sitzen, bescheuerte Serien zu schauen und langsam zu verzweifeln. Gemeinsam hocken wir uns an meinen PC und googeln nach Fotowettbewerben, alten und aktuellen. Seine Augen beginnen wieder zu leuchten. Wir reden über storybooks und storytelling. Darüber, dass man Themen mit geringem Aufwand fotografisch umsetzen könnte. Wir haben kein Fotostudio, das alle Stückerln spielt. Aber – wir haben unsere Kreativität, unsere Genialität. Ich zeige ihm mein Mini-Tageslicht-Studio, das ich mir mit Hilfe von Freunden im Sommer unterm Dach eingerichtet habe. Es ist nicht sehr professionell. Und – es ist ein Anfang, eine Möglichkeit zu tun. Und – wir könnten doch gemeinsam tun. Uns Freunde einladen, Fremde und Interessierte. Er nickt, denkt nach.

Als mein Mann ihn wieder mitnimmt, schaut er ein ganz kleines bisschen zuversichtlicher in die Welt. Verspricht mir, wieder aktiv mit der Kamera unterwegs zu sein. Wir sind aktuell und dank eurer Unterstützung in der glücklichen Lage, dass ihm unser Verein wenigstens die Jahreskarte für Öffis finanzieren kann. Deal. Ich bin selber gespannt, was jetzt passiert.

Vor wenigen Wochen habe ich geschrieben, für mich sei die Flüchtlingskrise von 2015 vorbei. Genau. Aber es gibt noch Auswirkungen, die ins Jetzt wirken. Jetzt geht es darum, zugewanderte Menschen hier vor Ort noch ein wenig in ihr Leben zu begleiten, weil die Warterei noch kein Ende hat. Und sie mit jenen zu verbinden, die hier leben. Wir brauchen keine Parallelgesellschaft verzweifelter Menschen ohne (Lebens)Sinn.

Wer uns helfen mag, wer Ideen hat, was Menschen wie Hussain Sinnvolles tun könnte, der melde sich bitte bei mir. Auch unser Spendenkonto darf gerne nachgefüllt werden. Und wer mit uns gemeinsam unseren Foto.Raum weiter entwickeln will, der ist ebenfalls willkommen. Kann hier übrigens jemand animierte GIFs in JPGs einfügen und uns das beibringen? you are welcome!

2 Kommentare zu „Warten und kein Ende

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  1. Liebe Lisa,

    Dein Bericht veranlasst mich, Dir zu schreiben, um Dir bzw. Deinem Hussain Khalid meine Hilfe anzubieten. Gerne lehre ich ihn, seiner Familie und Freunden die Stressreleasetechnik EFT (= Emational Freedom Technique), eine Klopfakkupressurmethode, mit der ich seit vielen Jahren erfolgreich arbeite. Mit dieser von jedermann (auch Kinder – ich bin damit auch schon in Kindergärten gewesen) leicht erlernbaren Methode kann man sich in kürzester Zeit von jeder Form Stress, von erlittenen traumatischen Ereignissen und den damit einhergehenden negativen Folgen befreien – und zwar nachhaltig! Sehr gerne helfe ich Hussain und seiner Familie, sowohl die erlebten emotional belastenden Erlebnisse, als auch die nervenzermürbende Warterei und den damit einhergehenden Stress aufzulösen, wenn es von ihnen gewünscht ist.

    Mit herzlichen Grüßen,

    Birgit

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    1. Hey Danke, liebe Birgit! Ich werde mal vorsichtig nachfragen, ob das gewünscht ist und melde mich dann bei dir! mir ist bekannt, dass EFT hilft, kann nur leider kein Wissen weiter geben!

      Herzliche Grüße, Lisa

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