Vergleichen und vertrauen

Habt ihr schon Alexander’s geniale Inktober-Zeichnungen auf Facebook oder Instagram entdeckt? Jeden Tag sitzt er stundenlang am Arbeitsplatz, entwirft und skizziert, überträgt seine Skizze very old fashioned händisch auf Zeichenpapier und startet mit den Finelinern ein Werk, das mich persönlich jedes Mal überrascht und vollkommen begeistert. Er hat so viele Seiten, diese Zeichnungsseite ist auch für mich neu. Immer ist ein Lächeln dabei, seine Liebe zur Welt wie er sie sieht. Er sieht ganz anders als ich. Und ich finde das genial. Natürlich gehören bei so lange angelegten Projekten auch kleine „Ich-mag-nicht-Mehr“-Einbrüche. Wie kann es anders sein. Doch er macht weiter. Jetzt sucht er einen Weg, dass er im November so diszipliniert weiter machen kann. Er braucht eine Themenstruktur, die bei Inktober gegeben war. Erste Schritte Richtung Zeichenwinter werden sichtbar. Ein paar seiner genialen Zeichnungen hat er auf unsere Foto-Schenk-Plattform in die Inktober-Galerie gestellt. Ihr dürft sie nutzen, wenn ihr euer gemeinwohlorientiertes Projekt damit unterstützen wollt.

Das Ganze lässt mich nicht unberührt. Einerseits freue ich mich, dass dieser Mann voll ins künstlerische Tun kommt. Und andererseits – ja andererseits mag ich mich selbst und meinen Ausdruck grad weniger. Mein Fotografieren und Schreiben kann ich gut aushalten. Meine Werkstatt ist eine andere Geschichte. Ich bin eine absolute Spätzünderin, was den künstlerischen Weg betrifft. Fühle mich seit zwei Jahren wie ein kleines Kind, das mit großen Augen und offenem Mund endlich, endlich ausprobiert, was diese materielle Welt zu bieten hat, mit der sich eine Seele ausdrücken will. Das mit dem späten Beginnen hat seine guten Gründe. Die sind mir hinlänglich bekannt. Seit etwa zehn Jahren probiere ich mich mit Material aus. War sogar zwei Semester malen an einer total feinen Akademie. Doch wie es aussieht war es zu früh für diese ernsthafte Ausbildung. Noch erlebte ich bei Studenten und Dozenten diese herablassende Haltung, wenn die erschaffene Kunst, das Bild, die Skulptur nicht ernsthaft und wohl auch erwachsen genug war. Dann zerstörten niederschmetternde Urteile wie „Hausfrauenkitsch“ und „Kunst muss weh tun“ oder „Das ist Scheiße“ zaghafte Versuche, sich mit unbekannten Techniken neu auszudrücken. Dass diese Sätze anderen gegenüber bei mir auf fruchtbaren Boden fielen und ich mich dann überhaupt nicht mehr traute, nehme ich in meine Verantwortung. Malerei reizt mich nach wie vor. Und vielleicht kommt diese Zeit ja noch.

Mir scheint, auch als Künstlerin, als Künstler gehen wir durch verschiedene Phasen. Ich suche offensichtlich Abkürzungen. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es geht mir zu langsam. Es gibt keine Abkürzungen für mich. Ich, die Schnelldenkerin, ich bin in der Praxis langsam. Kein Workshop, kein Buch, keine Anleitung ersetzen das kindliche Spielen, Ausprobieren und Scheitern und Neubeginnen des Tuns. Vom Kopf her ist mir relativ klar, dass das die Kreativität ist, die in unserer technokratisch orientierten Welt sogar häufig fehlt. Aber das ist eben der Kopf. Immer wieder komme ich spiralig an diese Selbstzweifel, die ich körperlich unangenehm spüre. Zwei Mal in meinem Leben habe ich an entsprechenden Lebenswegkreuzungen jenen Weg gewählt, der mir vernünftig(er) und wirtschaftlich gehbar(er) erschien. Nun gilt es das erste Mal, diese kindliche Phase des Ausprobierens als mittelalte Frau durchzuhalten. Die Anfängerin anzunehmen, sie zu lieben. Ich – mich. Mich der in mir zu stellen, die am liebsten vor dem Spiel davon laufen und ernsthaft arbeiten würde. Nein. Dieses Mal nicht. Dieses Mal halte ich durch. Auch wenn ich mich klein fühle, linkisch manchmal. Der liebenswürdigen Dinge überdrüssig, die meine Hände formen und nähen und binden und kleben. Mir wird in diesen Tagen bewusst, wie destruktiv das Vergleichen sein kann, wenn man sich selbst klein macht. Mein Mann zeichnet nachweislich seit dem Kindergarten. Es macht überhaupt keinen Sinn, seinen Weg mit meinem zu vergleichen. Es ist eine Wahl die ich treffe. Und auch eine Disziplin. Täglich. Mache ich mich klein oder beziehe ich das, was um mich herum geschieht, in meine Arbeit mit ein.

Wenn ich jetzt im Anschluss wieder in meine Werkstatt gehe weiß ich einerseits, wie priviligiert ich bin, in einer heizbaren, trockenen Werkstatt mich dem hinzugeben, was aus mir kommt. Ich werde dankbar, wenn mir mein eigenes Jammern und Grantigsein auffällt und mir in den grummelnden Morgenseiten auf den Wecker geht. Wie gut es mir doch geht! Welche Möglichkeiten da sind! Unfassbar. Ich habe keine Ahnung, wohin mich mein Weg führt. Ich weiß nur, dieses Mal vertraue ich dem Kindlichen, dem so lang unterdrückten Spielerischen in mir und gehe weiter. Weder brauche ich Lob noch Kritik noch Bestätigung von anderen Menschen. Es wird Zeit, das aus mir selbst zu erschaffen. Und es ist tatsächlich schön, wenn andere sich über das Entstandene freuen. Was ja vorkommt in diesen Monaten. Ich nähe und kritzle und zeichne und klebe mich durch dieses Ausprobieren. Ich ahne, dass diese Phasen von Anfängergeist (klingt schön, oder?) immer wieder kommen. Kindliches Forschen, verspieltes Tun, lernen aus Fehlern. Nur so geschieht der Wandel im eigenen Leben, der das aus mir hervor holt, was sich ausprobieren will.

Ich glaube, es war eine Künstlerin, die gestern für ihren Tag den Begriff „Behutsamkeit“ ausgab. Mit dieser Behutsamkeit mir selbst und meinen Prozessen gegenüber starte ich nun in meinen Tag.

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