Phönix und DIY

„Lisa, das bin ich am Samstag!“ Sagt er. Legt mir ein vorn und hinten dicht mit Gelbrot bemaltes Blatt hin und will wieder gehen. Wie jetzt. Was bitteschön ist das? „Na, mein Kostüm. Für meinen Geburtstag!“. Ein bissel entsetzt ist er schon, der beinah Achtjährige. Ich werde doch wohl wissen… Samstag! In eineinhalb Wochen! Ich spür Widerstand. So viel zu tun, so viel vorzubereiten und noch durchzusortieren für anstehende Nähprojekte…

Alle Gesichtslinien bewegen sich nach unten. Die Augen schimmern. Na gut, ich kann es mir ja wenigstens anschauen. Seufzend nehme ich das Blatt in die Hand. Schaue genauer. Eigentlich auf den ersten Blick sonnenklar, worum es hier geht. Ein Kostüm, das dicht an dicht mit gelben, orangen und roten Schuppen bedeckt ist. Ein Schnabel. Oder so. Eine Krone. Himmel, wie soll das gehen? Ich staune über die Genauigkeit der Details. Ansichten von vorne, von der Seite, von unten. Ganz klare Angaben eigentlich.

Wir kommen ins Gespräch. Ich schinde Zeit. Ganz bestimmt habe ich keinen Stoff. Na, ich doch nicht. Nicht jede Lade ist voll mit Möbelstoffen. Na gut. Ich will aber nicht jede Schuppe einzeln versäubern müssen. Also muss es Filz sein. Den brauche ich eigentlich für die heurigen Hühner. Wenn ich überhaupt  Zeit finde. Wie gesagt, Nähprojekte…

Na gut, ich könnte ja mein Filzlager ein bisschen erleichtern. Und da war ein Hemd im Kostnixladen am Samstag, das mich nur vom Material her interessierte, mehroderwenigerdurchfallbraun, das wäre eigentlich die ideale Unterlage für das Kostüm in den warmen Farben.

Sami schlüpft in das große Hemd. Ein schon angeschnittener Ärmel hängt wie ein Flügel herab. Unten aufgeschnitten und geöffnet wäre das eine mögliche Schwinge. Wir schnipseln. Sami will sich jetzt verkrümeln. Da hat er allerdings die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Noch immer beeindruckt vom Vierjährigen meiner Freundin, der am Wochenende unerschrocken mit der scharfen Schneiderschere hantierte, machen wir einen Deal: er schneidet, ich stecke und nähe. Und – noch eine Vorgabe von mir: er schneidet genau. Wird ja schließlich sein Kostüm, nicht meines.

Zwei Stunden später haben wir vier Reihen geschafft. Alle Finger sind noch da. Sogar alle Stecknadeln sind wieder im Kisterl, nachdem ich Schussel sie vom Tisch gewischt habe. Es brauchte nur wenige Hinweise auf die nötige Genauigkeit. Nebenbei witzeln wir, wie das jetzt im Fernsehen bei Art Attack abgelaufen wäre: „Und hier seht ihr Sami. Er hat gestern schon die Schuppen vorbereitet, damit er das heute nicht mehr machen muss.“ Unser Jüngster lacht so, dass er fast vom Sessel fällt. Die Fernsehsendung geht noch eine Weile weiter. Willkommen in der Realität!

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Ich bin heute schlicht und ergreifend berührt und glücklich. Hier wächst von uns vollkommen unbemerkt ein kleiner Designer heran. Merkt euch meine Worte.

Und nein, wir sind noch nicht fertig. Aber bis Samstag nächste Woche werden wir das schon hinbekommen 😀

4 Kommentare zu „Phönix und DIY

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