Ausblicke und Einsichten

Heute in der Früh las ich bei Fabs, meinem Puppenmacherinnenvorbild in Mexico, dass sie sich an eine bestimmte Struktur hält, was ihren Alltag betrifft. Sie machte mich nachdenklich. Es ist eine Sache, mehr oder weniger glücklich in einem 9 to 5 Job zu sein. Und es ist eine andere Sache, sich die Woche, den Monat, das Jahr und das Leben selbst so zu strukturieren, dass Wesentliches entstehen kann. Sichtbar. Mit all den Höhen und Tiefen, die diese Eigenverantwortung mit sich bringt.

Heute habe ich mir beim Arbeiten einen Tag lang genauer zugeschaut. Schon beim Morgenkaffee fielen mir die gefühlten hundert Telefonate, Anfragen, Entscheidungen und Überlegungen ein, die sofort oder in den nächsten Tagen zu erledigen sind. Also ran an den PC, e-mails lesen, beantworten, Fragen stellen. Facebook-Siten checken, Fragen beantworten. Auf Instagram checken, welche Frühlingsfotos seit gestern dazu gekommen sind unter #derraum365. Ausnahmsweise gleich in der Früh mein heutiges Foto hochladen. Telefonieren. Am Abend werde ich wieder vorm PC sitzen, weil es endlich wieder einen Blogbeitrag braucht, damit ich glücklich bin.

Dann das Gefühl, ich sollte Osterdeko herstellen. Ich hatte voriges Jahr begonnen, Musterstoffe in wunderschönen Farben zu Hühnern umzuarbeiten. Also runter in die Werkstatt. Einheizen. Dann – Chaosbeseitigung. Fürs erste alle angefangenen Puppengliedmaßen, die Wollvliese und gefilzten Versuchsköpfe wegräumen. Die Reste der gestrigen Jeanskleidungsnäherei entsorgen und verstauen. Und dann Platz schaffen. Wo, wo sind diese Hühner nur geblieben? Sie finden sich nach einigem Suchen wohlgeordnet in einer Schachtel. Die Stoffe greifen sich staubig an. Ahja, genau. Deshalb habe ich im Vorjahr aufgehört. Die Mustersäckchen gehören aufgetrennt, gewaschen und dann erst neu zusammen genäht. Ich fange an. Beim relativ einförmigen Tun des Trennens der Nähte schießen mir plötzlich all die Dinge durch den Kopf, die mir vorm PC nicht eingefallen sind. Ich ziehe mir Papier und Stifte an den Arbeitsplatz. Trenne und schreibe und plane und organisiere. Mache die Etiketten für das Osterhasenpärchen, das heute unsere Regale im St. Veiter Kunst&Werk erreichen wird, weil Alexander Dienst macht. Beantworte nebenbei Anfragen am Smartphone. Aha! Beidhändiges Arbeiten aktiviert mein logisches Denken! Das muss ich mir merken.

Mindestens fünf Stunden und ein Gott sei Dank von meinem Mann gekochtes Mittagessen später ist mein buntes Häufchen aufgetrennt, fein säuberlich nach Farben sortiert. Ich hege Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Tuns. Ich spüre es nicht, Osterdeko herzustellen. Da ist Widerstand. Außerdem fehlen mir mittuende Näher*Innen. Dafür sollte ich dringend einen Termin bei meinen Freundinnen von VOBIS fixieren. Nach Ostern. Check. Auf die Liste. Trotzdem eine gute Aktion. Am Abend drehen sich die Stoffstücke mit Waschmittel und kühlem Wasser in der Waschmaschine. Und werden demnächst dringend benötigte Kleidungsstücke sein. Ich sehe schon den flauschigen Mantel in den passenden Farbschattierungen.

Was mich zur Umsetzung einer weiteren Sache führt. Weil uns immer wieder Menschen darauf anreden. Ja. Wir haben großes Glück und bekommen Dinge geschenkt, die keiner mehr braucht. Oder die im Müll landen würden. Und ja, es gibt Phasen, da haben wir Helfer*Innen. Und dann gibt es Phasen, da werkeln wir alleine vor uns hin. Und ja, ihr habt Recht, eigentlich müssten wir die Sachen herschenken. Tun wir auch. In Kreisen, in denen das Schenken praktiziert wird. Dort schenken wir liebend gern unsere Arbeitskraft, unsere Zeit und all unser Wissen hinein. Wir leben ebenfalls in einer Welt, in der mit Geld gehandelt oder getauscht wird. Dort verschenken wir unsere Ergebnisse seltener. Wir verlangen Spenden. Das mit der freien Wertschätzung hat für uns nicht funktioniert. Wie auch. Wie und woher sollt ihr wissen, wieviel Zeit und Material und Nachdenken in einer Sache steckt, die ihr dann in den Händen haltet? Wir finden den Weg „Spende ab“ im Geldsystem ehrlicher. Ihr ermöglicht mit eurem Einkauf, dass es diesen gemeinnützigen, nicht gewinnorientierten Verein noch immer gibt. Dass wir mit unserem Auto zu den Menschen fahren können, die sich weder Bus noch Zug leisten können, um zu uns zu kommen. Dass wir Maschinen warten und manchmal auch neu anschaffen können, weil sie endgültig den Geist aufgegeben haben. Dass wir zusätzlich benötigtes neues Material anschaffen können.

Upcycling und Recycling liegen meinem Mann und mir am Herzen. Mir ist es seit mehr als zwanzig Jahren ein Anliegen, aus Altem Neues zu machen. Mein Mann war scheinbar immer schon ein Reparierer. Einkaufen taugt mir, wenn ich weiß, dass Menschen dafür fair entlohnt wurden und dass die Produktionskette wirtschaftlich, materiell und menschlich kontrolliert und sauber ist. Deshalb sammeln wir gezielt, was wir nicht kaufen. Alles, was ins Haus kommt, wird sortiert. Was kommt in den Näh.Raum und ins dafür geschaffene Lager. Was kommt in den Holz.Raum, was in den Zeichen.Raum. Was kann im Foto.Raum bei shootings verwendet werden, was brauche ich gerade für ein Projekt. Und was wird weiter gegeben. Daran arbeiten wir noch.

Dann wird gewaschen, aufgehängt, getrocknet, oft gebügelt. Holz und anderes Material muss oft dampfen und Nässe abgeben. Dann wird geschliffen, ausgebessert, zerlegt und neu gemacht. All diese Prozesse brauchen Zeit und Hände, die die Arbeit gern und sorgfältig machen. In den letzten zweieinhalb Jahren hatten wir großes Glück. So viele Menschen waren gerne bereit, uns und unseren Weg zu unterstützen. Uns ihre Zeit, ihre Menschlichkeit und ihr Wissen zu schenken. Im Austausch für  den Abbau von Ängsten in der direkten Auseinandersetzung mit „dem Fremden“. Oder für Deutschstunden, sozialen Kontakt und herzliches Miteinander. Die meisten unserer zugezogenen Freunde sind in die nächstgrößeren Städte gezogen, als es noch ging. Auf der Suche nach einem Beginn. Auf der Suche nach Arbeit.

Dieser lange Winter hat uns Zeit gegeben, zu hinterfragen, wie wir weiter tun wollen. Das war ganz schön ein Auf und ein Ab. Auch die Frage, ob wir überhaupt weiter machen wollen wie bisher. Was die nächsten logischen und gefühlten Schritte wären, falls wir sie gehen. Mittlerweile sind es nur mehr drei Projekte, die wir uns für 2018 vornehmen, das große Reduzieren zu unseren künstlerischen Gunsten hat begonnen.

Da ist einerseits das Puppenprojekt. Dort werden neben dem Material-Upcycling alle handwerklichen Fähigkeiten zusammen fließen, die ich liebe und teilweise erst lerne. Und die mein Mann so wunderbar kann.  Es scheint so, als richte sich vieles in diesem Projekt vorwiegend an Frauen. Mit seinen Ergebnissen eingebunden sein wird es in unserer gemischten Gesellschaft. Fantasieren und zeichnen und designen, Schnitte herstellen, nähen, stricken, sticken, häkeln und filzen. Filzen wird eine besondere Rolle einnehmen. Mein wunderbarer Mann ist Teil dieses Projektes und unterstützt jeden Schritt mit seinem Wissen als Grafiker, Designer, Zeichner und Kunsttischler. Wir werden sehen, wohin uns dieser Weg führt. Er ist auf jeden Fall zutiefst heilsam, für mich, als Frau und als Künstlerin. Mit der Schafwolle habe ich endlich MEIN Material gefunden.

Dann bekommt die Foto-Schenk-und-Tauschplattform irgendwann im Laufe des Jahres neue Aufgaben. Voraussichtlich. Wenn es heuer nicht klappt, dann kann das auch 2019 sein. Wir haben keinen Druck. Fotografieren war und ist Teil meines Lebens. Genauso wie die Fotokurse für Menschen jeden Alters, Geschlechts, jeder Ethnie und Religion und Hautfarbe.

Die Kooperation mit VOBIS und den Architekten der FH Spittal ist eine einzige Freude, auf künstlerischer und auf menschlicher Ebene. In dieses Projekt werden wir so viele Menschen aus unserem lebendigen Netzwerk einbinden als möglich, punktuell, langfristig und kurzfristig. Das zeigt sich wie immer beim Gehen.

Wundert euch nicht, wenn in den nächsten Wochen die homepage mal flackert und nicht funktioniert. Und dann nach Ostern hoffentlich benutzerfreundlicher, einfacher und logischer ausschaut. Oh, und sie wird endlich einen herzeigbaren Terminkalender haben und uns ein bisschen von social media befreien. Ob der Umbau reibungslos gehen wird, beurteilen wir am besten hinterher. Derzeit sind wir frohen Mutes, weil unsere Administratorin Aischa sich um uns und unsere Bedürfnisse kümmert.

osterhaseneltern

 

 

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