Mogli und die Logik

Tja. Nicht gedacht, dass ich vor Ostern noch an den PC komme. Aber lieber jetzt als nie.

Selten so einen kreativen Fluss gehabt wie mit diesen Puppen. Rückblickend wird klar, dass es irgendwann geschehen würde. Dass es grundsätzlich geschieht, macht mich so glücklich, dass ich es kaum beschreiben kann. DAS war es, was ich immer wollte. Puppen nähen. Puppen entwickeln. Ihnen das Drumherum schaffen. Meine ersten Puppen in der Volksschule waren entsetzlich. Hässlich, unförmig, sinnlos. Ich gab sofort auf. Und wagte es nie wieder. Und das war es, was mir jeder auf seine Art erklärte. An den Wochenenden kannst du kreativ sein. Aber jetzt musst du die Matura machen oder einen Beruf lernen oder Geld verdienen (aber flott) und Geld verdienen für deine drei Kinder und dich und Geld verdienen. Vor allem – Geld verdienen. Und das Kreative, Künstlerische? Nein, zu unsicher. Drei verhungernde Kinder vor Augen. Die schimpfende, mit dem Finger zeigende Verwandtschaft. Die augenrollende Gesellschaft. Nein. Bloß nicht. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, absolut kein Glaube an mich und meine händischen oder gar kunsthandwerklichen oder überhaupt künstlerischen Fähigkeiten. Obwohl das Fotografieren und das Schreiben ein durchaus künstlerisches Handwerk hätte sein können, habe ich es meistens zum Geldverdienen missbraucht und mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich liebe was ich tue.

Das kann eh nur verstehen, wer das schon erlebt hat. All die Angst vorm Lernen ist zur Zeit wie aufgelöst. Keine Alpträume mehr, wo ich in Mooren herum wandere, irgendeine Aufgabe lösen soll und überall verkehrsartige Schilder sehe, die ich nicht verstehe. Und keine Ahnung habe, was ich denn überhaupt für eine Aufgabe lösen soll. Diese Träume waren die letzten dreißig Jahre konsequent da, sobald ich Neues lernte. Lernen muss bei mir an Panik, Angst und Verzweiflung gekoppelt gewesen sein. Ich erinnere mich voller Grausen an die Volksschullehrerin in der ersten Klasse in Spittal, die mir unvermittelt mit den Knöcheln auf den Kopf schlug, wenn diese bescheuerte Mengenlehre nicht in meinen Kopf wollte. Mit dem Lineal zuschlug. Pfoah. Ich hatte echt noch Glück, dass diese „Pädagogin“ zu Weihnachten suspendiert und dann in Pension geschickt wurde. Ihr und ihrer Lehre verdanke ich, dass logisches und mathematisches Lernen fast durchgehend ein Alptraum wurde. Logik chinesisch für mich blieb und nur Angst und Hirnnebel auslöste. Und ihr verdanke ich auch, dass ich jetzt bewusst miterlebe, wie beglückend lernen sein kann.

Ich lerne nun täglich. Die Puppen von vor zwei Wochen sehen vollkommen anders aus als die Puppen der letzten Tage. Meine Lehrerin in Mexico hat Recht. Die Arbeit an den Puppen ist durch und durch heilend. Durch das Tun mit den Händen. Und auch, weil so viel Liebe für diese Wesen entsteht. Weil ich mir vorstelle, dass ein Kind mit diesen Wesen spielt. Ein Erwachsener Freude daran hat. Da ist eine Engelsgeduld dabei, die ich vor zwanzig Jahren noch nicht hatte, als so eine Nebenbei-Puppen-Phase sich abzeichnete. Da musste alles schnell-schnell gehen. Ich kann eine Puppenhand drei Mal neu annähen, wenn sie dann am Körper besser aussieht. Ein anderes Kleid nähen, wenn es einfach nicht zur Puppe passen will. Sogar einen neuen Körper nähen wie heute, wenn die Proportionen auch mit zugedrücktem Auge nicht passen wollen. Überhaupt kein Problem! Es entstehen logische Abfolgen im Tun. Die Arbeit lässt sich in Schritten darstellen. Ich lerne Logik nach. Unglaublich. Der Hirnforscher Professor Huether hat schon Recht wenn er sagt, dass unsere Hirne nachlernen, nachrüsten, neu schalten. Und auch meine Begleiter im LAIS-System hatten vollkommen Recht, dass der Wunsch nach Lernen natürlich in uns angelegt ist. Da ist oft nur viel Schutt und Geröll wegzuräumen, um diesen Fluss zu befreien.

Nein, ich werde mich hüten, Empfehlungen abzugeben, um die mich keiner gebeten hat. Frage mich heute still und leise, was diese Welt für ein Platz wäre, wenn Menschen in Ruhe ihre kreativen Talente und handwerklichen und denkenden und liebenden Fähigkeiten entwickeln könnten, um ihrer Begeisterung nachzugehen. Für mich ist das der Inbegriff des „Lernens“. Egal was. Jede und jeder hat andere in ihr und in ihm angelegte Talente. Das Herzklopfen beim Tun weist den Weg. Und manchmal auch der Widerstand…

Mogli heißt übrigens die Puppe mit der dunklen Haut. Sie erinnert mich an den Sohn einer lieben Freundin, der auch ein Mogli ist. Dieser hier will sich nicht anziehen lassen. Da heißt es noch warten, ob er sagt, was er braucht. Das Elfchen mit der Ohrenmütze ist ein Minizugeständnis an Ostern. Und die rothaarige Puppe entstand vor einem Jahr. Es liegen Welten in der Ausführung dazwischen. Aber vielleicht kann das auch nur ich sehen.

 

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