Incredible, edible Todmorden

Ein Zufall führt uns auf unserer Reise in die erste essbare Stadt, von der ich in meinem Leben gelesen und gehört habe. Irgendwo in West Yorkshire auf der längeren Anfahrt nach Wales ist die Tankstelle wieder dran. Ich schlage unseren Autoatlas auf, suche unseren Standort, weil ich geografisch im United Kingdom ein geistiges Nackerpatzi bin – und entdecke den Namen der Stadt Todmorden nicht allzu weit entfernt. Das bei mir übliche Herzklopfen setzt ein. Irgendwas klingelt in mir. Wir googeln – und well, yeah – schmeißen alle Pläne über den Haufen, unsere App wird neu gefüttert und wir machen diesen Abstecher in eine Stadt, die wie Doppelmord klingt und so viel wie „Tottas Grenztal“ bedeutet.

Schon bei der abenteuerlichen Fahrt in der letzten Nacht fallen mir die vielen Schilder bezüglich Halifax auf. Kleiner Trigger für Insider. Und – ach. Keine Worte. Halifax also verfolgt mich ein wenig. Wir finden Dank unserer super funktionierenden englischsprachigen App einen Parkplatz direkt am Marktplatz. Und sehen sofort die ersten Hochbeete, Schilder und Hinweise auf eine essbare Stadt. Ebenso fallen mir Menschen auf, die an einem späten Vormittag unter der Woche offensichtlich arbeitslos sind und Alkohol trinken, es sind nicht wenige. Wir spazieren durch eine mit lokalen Waren angefüllte Markthalle, staunen, wie sehr auch hier Regionalität eine dominante Rolle spielt, ähnlich wie voriges Jahr in Totnes. Weil wir uns ein bissel planlos fühlen und mehr von der essbaren Stadt sehen wollen, fragen wir im hiesigen Tourimusbüro nach und erhalten eine supergenaue Karte mit der Möglichkeit, sich Todmorden zu erwandern. Schon nach zehn Minuten und den ersten Oasen in der Stadt treffen wir auf eine kleine Gruppe von vier Menschen. Später wird sich herausstellen, dass das Estelle Brown, ihres Zeichens Präsidentin der hiesigen Bewegung, und Freddie aus Deutschland sind, die mit einer Redakteurin und einem Fotografen für die französische Gartenzeitung „l’ami des jardins“ unterwegs sind. Wir lassen uns gern mitziehen und setzen den Rundgang professioneller angeleitet fort. Können Fragen stellen, bekommen Antworten und eine sehr persönliche Sicht auf das zehnjährige Projekt. Ja, die Arbeitslosigkeit sei hoch in der ehemaligen Tuchindustriestadt. Alkohol sei tatsächlich ein Problem, wie so oft in den größeren Städten dieser königlichen Insel. Und ja, die Anlagen werden genutzt und beerntet. Kanadische Wildgänse schnattern uns an, als wir ihnen zu nahe kommen. Schon wieder…

Ziemlich beeindruckend, was hier ehrenamtlich und aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden ist. An der Calder entlang sehen wir unzählige und gut gepflegte Themenbeete mit Kräutern, Obstbäumen, Beerenbüschen und Gemüse. Die Calder ist schiffbar wie so viele Kanäle in England, hier funktionieren die Staustufen mechanisch, Hausboote gehören zum Stadtbild. Gegossen wird aus dem Fluss, die heurige Trockenheit ist auch hier eine Herausforderung. Hochbeete und Bäume und Sträucher finden sich auch direkt im urbanen Raum, neben Parkplätzen, an Straßenrändern. Immer versehen mit Schildern, mit Hinweisen, mit Ermutigungen, sich Essbares zu holen. Die Hochbeete vor der Polizeistation werden gerade genutzt, als wir ankommen. Nein, keine Genehmigung, einfach gebaut. Kein Ärger? Nein, ganz im Gegenteil, die Polizisten hätten eine Riesenfreude mit den hochgewachsenen Maispflanzen und lassen sich gerne damit fotografieren. Während zwei Männer in der Gruppe bereits Kochrezepte und Vergangenheit austauschen und dauernd ermahnt werden müssen, mal einen Zahn zuzulegen, erzählt Estelle vom neuen Gebäude, dass die Gruppe wenn ich es recht verstanden habe im Herbst beziehen wird. Mit Raum für Workshops, Miteinander und Weiterplanen. Ich bin schon sehr gespannt, lese auf facebook  unter Todmorden mit und wünsche euch Menschen vor Ort, dass auch diese Träume auf die Erde kommen. Ihr macht das schon.

Wir reden noch lange über Tauschkreise, Regionalwährungen, die Herausforderungen mit neuen Zuwanderern in einem Land, das mit Multikulturalität schon viel länger und bewusster umgeht als wir hier in Österreich, über die steigende Arbeitslosigkeit. Und einmal mehr schätze ich, dass ich Englisch in der Schule lernen durfte und jetzt wackelige aber nutzbare Brücken zu anderen Menschen damit bauen kann.  Danke Leben.

Nach drei Stunden geht auch in unsere Hirne kein Fuzzel Info mehr hinein, wir verabschieden uns voneinander. Beim Herumspazieren vorher ist uns eine antiquarische Buchhandlung mit Bushaltestelle und gemütlichem Lesesessel aufgefallen. Klar, da müssen wir noch hin. Alexander wirft sich in Pose. Und dann ergibt sich noch ein sehr intensives, langes Gespräch mit dem Geschäftsinhaber. Und nein, Puppenmacheranleitungen seien immer sofort weg, bedauert er. Tja, auch da unterscheidet sich England ganz massiv von Österreich. Hier muss man sie überhaupt außerhalb bestellen und suchen. Der alte Mann sieht so beeindruckend aus, als er auf einem einfachen Sessel, im Tageslicht der großen Auslagenscheibe, zwischen all seinen Bücherregalen sitzt. Natürlich würde ich ihn gerne fotografieren. Gerade rechtzeitig erzählt er mir seine persönliche Geschichte mit dem Fotografiertwerden, wir reden noch lange über Kunst im Allgemeinen und im Speziellen über das Arbeiten mit den Händen und haben noch einmal an diesem Tag das Gefühl, einen Seelenverwandten kennen zu lernen. Das Bild von ihm ist in meinem Kopf immer noch ganz leicht abrufbar… Was für ein schöner Mensch, was für eine innige Begegnung.

Ein wunderbares spätes englisches Frühstück in einem bezaubernden Café rundet diesen Ausflug ab. Danke Estelle und Freddie für diese feinen Stunden mit euch!

 

 

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