Jarah

Die neuen Workshops

Ich gebe erste Workshops, in denen ich das Anfertigen einer einfach Stoffpuppe anleite. Wissensweitergabe. Welches Wissen eigentlich? Ich erlebe mich auch nach zwei Jahren lernend. Lebenslang lernend. Genau, was ich mir in den letzten Jahren so sehr wünschte.  

Nun, das Glückspilzdasein einer Lebenszeit als Künstlerin. Die Selbsterfüllung meines lebenslangen Traumes, auch als Puppenmacherin aktiv zu werden. Ich schaue mir tonnenweise Tutorials an. Immer noch. Lese meterweise Bücher. Probiere. Fluche und lache, wenn zwischendurch etwas gelingt. Mache gigantische Fehler, die neue Wege aufzeigen. Werde nur ganz langsam sicherer. Immer noch ist viel Anfängergeist in meinem Studio, wenn ich die Stunden mit diesen Wesen verbringe.

Und nun kommen also Menschen zu mir. Um nicht unzusammenhängend stammelnd und ratend im Workshop zu sitzen, setze ich mich nach zwei Jahren wieder mit jenen Stoffpuppen auseinander, mit denen ich gestartet habe. Dreißig Zentimeter große Wollwesen mit angeschnittenen Beinen und angenähten Armen. Zwei fertige ich parallel zu meiner ersten Praxisgruppe an. Schreibe die Schritte chronologisch mit. Mache immer noch Fehler. Ändere den Grundschnitt, weil mir die Gliedmaßen inzwischen zu plump erscheinen. Immer noch bin ich herausgefordert, den Trikotstoff faltenfrei an die modellierten Köpfe anzupassen. Eine gewisse Symmetrie und Harmonie herzustellen. Nicht alles dem Zufall zu überlassen.  

 

Die Magie

Jarah ist das erste Wesen, das heute Augen bekommt. Jarah kommt aus dem russischen Sprachgebrauch und bedeutet “Die den Frühling liebt”. Nach Valentina ist sie für mich die nächste Wächterin des Frühlings. Und das ist auch gut so. Der Blizzard, der gestern ums Haus jagte und Graupelschauer auf die Marillenblüten, den konnte sie nicht mehr stoppen. Für mich war Jarah von Anfang an Frau Frühling.

Jarah ist frühlingsmäßig gnädig gestimmt und nimmt diesen Geburtsnamen an. Ursprünglich war eine weitere rosa Haarpracht am Puppenkopf gedacht, weil ich vor wenigen Wochen eine sehr haarige Wolle in kräftigem Rosa gefunden hatte. Nein, will sie nicht. Madame wünscht die rötlichbraune Mohairwolle in der Kiste. Außerdem Haarschnecken am Wuschelkopf. Und sehr zielbewusst leitet sie mich dabei ein, eine Mohairperücke zu häkeln, in die ich die langen Haare bereits mithäkle. Es geht viel leichter, als ich mir das seit Wochen ängstlich ausmale. Danke Jarah, heute habe ich wieder dazu gelernt. Davon werden meine Teilnehmerinnen am Freitag profitieren.

Gestern Abend entdecke ich das Glitzerband eines Geschenkes in meiner Schleifenwühlkiste. Das leuchtende Türkis passt perfekt zu den schönen Haaren. Genauso wie der türkise Vorhangrest und der hellblaue Store eines Musterstoffes, der schon lange der Verarbeitung harrt. Wie immer – Ucycling so viel nur möglich ist. Nur die Spitze des Kleides ist neu. Es ist erstaunlich, wie viel vom Vertrauten ich anders mache als vor einem Jahr. Müßig mir vorzustellen, was nächstes Jahr um diese Zeit sein wird. 

Die fertigen Augen definieren bei mir normalerweise den Zeitpunkt, an dem meine Wesen ihr Aussehen und ihre Wirkung in die eigene Stoffpuppenhand nehmen. Einer Kursteilnehmerin passiert dieses Phänomen noch zu einem Zeitpunkt, als sie den Kopf am Hals abbindet. Der Faden will und will sich nicht nach oben ziehen lassen. Der Augenfaden will nicht in die Mitte sondern sehr, sehr weit nach oben. Die langgezogene Nase sieht völlig anders aus als jene, die ich der Einfachheit halber zeige. Und um dem Gewünschten Nachdruck zu verleihen, bricht die erste Filznadel. Und dann die zweite. Ich halte nur mehr die Klappe, lasse die Erschafferin tun, was aus ihr kommt. Vollkommen magisch, was hier geschieht. Diese Kursteilnehmerin hat mir ein Foto geschickt, wie es mit dem Kopf am Wochenende weiterging. Ich sage nur so viel – das wird ein besonderes Wesen. Ein Kopf einer anderen Teilnehmerin musste wieder völlig zerlegt werden, weil? Na, was glaubt ihr? Genau, brechende Nadeln. “Ich will” gegen “ich weiß aber, was ich will”. Ich bin sehr gespannt. Diesen Freitag werden die ersten Stoffpuppenwesen zusammen genäht und fixiert. Hach, ich kann es kaum erwarten.