“Ohooooh, der Eisbecher zwinkert dir zu….”. Werbung. Ich, die ich jahrelang jeder Werbung erfolgreich aus dem Weg gehe. Ich bin so knapp dran, zu tun, was diese nervige Stimme nach allen drei, vier Songs sagt: “Drück aufs Banner, so richtig zum Abtauchen!” Einfach nur, damit sie aufhört. Ich will nicht aufs Banner drücken, ich will nicht tauchen, ich will nicht dreißig Tage gratis Musik ohne Unterbrechung hören. Und dann wie immer übersehen, dass ich mehr oder weniger automatisch ein Abo zahle. Meine Kinder haben mir gesagt, es sei so praktisch, mit dem Handy Musik zu hören. Und lernfähig wie ich bin mache ich das nun. Inklusive nerviger Werbung. Irgendwann wird ja mal diese Dreißig-Tage-Grais-Frist vorbei sein?

Während hier im Haus ein Virus zuschlägt, filze ich leicht fiebrig und schnupfig vor mich hin. Ich will es hinbekommen, dass ich gedrahtete Figuren mache, die gut posen können. Es macht mir einfach so viel mehr Freude als das Anfertigen der einfachen Stoffpuppen. Dieses Mal nehme ich mir vor, wie das Gesicht auszusehen hat. Klein und fein, eine Jugendliche soll es werden, also andere Proportionen als die Babyfaces. Ich filze vor mich hin. Ist nicht so einfach, den Draht mit Wolle so zu umwickeln, dass ein runder Kopf entsteht. Erste Hürde. Dann bilde ich mir ein, bei Jugendlichen und Erwachsenen sitzen die Augen im oberen Drittel. Schwerer Fehler. Das merke ich erst, als mein Mann spät in der Nacht heimkommt, den tollen Kopf ansieht und feststellt, dass die Augen zu weit oben und die Stirn zu niedrig ist. Zu diesem Zeitpunkt bin ich nicht kritikfähig, ich dampfe vor Fieber und Zorn vor mich hin und zerlege die junge Frau wieder. Zugegeben, die handgemalten und teilgestickten Augen sind auch eine Katastrophe gewesen. Um zwei Uhr morgens gebe ich auf und staune, wie groß dieser überarbeitete Kopf geworden ist. Ungefähr drei Mal größer als gewünscht. Aber die Stirnhöhe passt jetzt, die Augen sitzen wieder mittig.

Gleich heute Morgen gehe ich wieder ins Studio. Das Fieber ist noch da, die Nase juckt und brennt und rinnt. Meine Laune ist sosolala. Weitermachen. Neuer Kopf, neues Spiel. Dieses Mal kommt Betty Edwards ins Spiel. Wie ist das nun mit den Gesichtsproportionen wirklich? Wie bei Erwachsenen, wie bei Kindern, wie bei Babys? Scheinbar gibt es Grundannahmen für die Nasenlängen, für die Lippenbreite. Ich habe ein Foto vor mir liegen. Diese junge Frau stimmt nicht völlig mit dem Lehrbuch überein. Ihre Wangen sind fülliger, Vieles im Gesicht ist noch recht kindlich. Und sie schaut sehr ernst. Dieser zweite Kopf wird am Nachmittag nur mehr doppelt so groß sein wie der Kopf, den ich brauchen würde. Wieder verrutscht mir beim Filzen alles nach oben. Ein bisschen magisch, denn ich zeichne mir sogar die Linien ein, um halbwegs richtig zu liegen. Offensichtlich bewegt sich das Material beim Bearbeiten mit der Filznadel in die Richtung, in die eingestochen wird. Also, nächste Lernaufgabe: alles tiefer ansetzen. Und außerdem fällt mir auf, dass der Oberkopf einfach zu weich angelegt war. Durch das Verdichten musste er ja schrumpfen. Samuel besucht mich, schneidet und schnipselt Eulen und Pinguine. Er möchte eine Tischdekoration machen.

Kopf Nummer Drei. Später Nachmittag. Nun arbeite ich sehr sorgfältig. Bei Sarafina hole ich mir mal wieder Tipps für den gefilzten Kopf. Was für eine gute Idee, ein Kinn vorzuformen. Es ist allerdings eine Kunst, es so gut mit Wolle zu umwickeln, dass die Nadel beim Filzen nicht ständig an den Draht stößt. Lernen, lernen, lernen. Dieses Mal ziehe ich ordentlich an beim Wickeln. Ich brauche zwei Stunden, um einen festen Grundkopf zu formen und zu filzen. Zwei Stunden! Ich bleibe gut unter dem mir vorgezeichneten Maß. Und beginne, Material für das Unterkiefer, die Nase, die Wangen, das Kinn und die Lippen anzufilzen. Und jihaaaa, jetzt gelingt es endlich! Der dritte Puppenkopf bekommt die Form, die ich mir vorgestellt habe. Außerdem arbeite ich an den Bögen der Augenbrauen. Das habe ich mir schon vor Wochen vorgenommen. Eine Schülerin aus dem Puppenkurs war gleich beim ersten Versuch erfolgreich. Irgendwann gehe ich auch das innere Auge an, die Kugelform und die Augenlieder. Aber einen Schritt nach dem anderen. Zwischendurch kommt mein Mann vorbei, begutachtet krächzend und naserinnend meine Entwicklung. Bei der Suche nach weiterführender Literatur werden wir in England fündig. Nano. Über die Waldorfpuppen hinausgehend gibt es im deutschen Sprachraum kaum Bücher über künstlerische Puppen. Mir fällt wieder ein, dass der freundliche Bücherladenbesitzer mit Antiquariat in Todmorden in Yorkshire lächelte, als ich ihn so nebenbei nach Puppenliteratur fragte. Die sei immer als Erstes weg. Kein Wunder, wow, was für eine tolle Qualität es da im Internet gibt! Künstlerpuppenbücher aller Art, so inspirierend! Ein paar Fotos erinnern mich an die Technik der von mir so geschätzten Elli Riehl in Kärnten, die leider schon verstorben ist. Wie gern hätte ich mich mit ihr ausgetauscht. Dann wird es halt wieder englischsprachige Lernliteratur für mich.

Fazit nach zwei Tagen: kleine Köpfe sind wesentlich schwieriger herzustellen als große. Die erste Puppe wird einen 18-Inch-Körper brauchen. Mindestens. Der zweite Kopf wird ebenso noch unter “groß” einzuordnen sein. Erst der letzte Kopf wird so, wie ich mir das aufgezeichnet habe. Der kopflose Körper wartet schon auf ihn.